Volle Züge, längere Wartezeiten? Bündnisgrüne im Landkreis Görlitz warnen vor Kürzungen im Bahnverkehr

Görlitz. Der Kreisverband Görlitz von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN fordert angesichts drohender Kürzungen im Bahnverkehr schnelle und verbindliche Lösungen von Bund und Freistaat. Wie die Sächsische Zeitung am 20.10.2026 berichtet, warnt der Zweckverband Verkehrsverbund Ostsachsen (ZVVO) vor einer Reduzierung des Angebots auf einen Zweistundentakt, zumindest am Wochenende. Hintergrund sind steigende Trassenpreise, also die Entgelte für die Nutzung der Schienenwege, die der Verkehrsverbund nach eigener Aussage nicht auffangen kann. Eine konkrete Entscheidung über entsprechende Kürzungen in der Oberlausitz ist dem Bericht zufolge bislang nicht gefallen. 

„Als BÜNDNISGRÜNE-Fraktion haben wir genau vor dieser Situation gewarnt. Die Mehrkosten und drohenden Angebotskürzungen sind direkte Folgen der Trassenpreissteigerungen. Auf unseren Antrag hin wurde bereits im Juni im Landtag beschlossen, dass die Staatsregierung sich beim Bund für eine grundlegende Reform des Trassenpreissystems einsetzen soll. Jetzt liegen die Folgen des verschleppten Handelns auf dem Tisch: Wenn in der Oberlausitz Verbindungen gestrichen werden oder Züge seltener fahren, bedeutet das für viele Menschen längere Wege, mehr Stress und eine stärkere Abhängigkeit vom Auto. Besonders Jugendliche, ältere Menschen und Familien ohne eigenes Auto verlieren dadurch ein Stück Selbstständigkeit und Lebensqualität. Mobilität darf nicht davon abhängen, ob man in der Stadt oder auf dem Dorf lebt. Der Freistaat muss mehr Druck auf den Bund ausüben, damit unser Regionalverkehr bezahlbar und zuverlässig bleibt. Statt die Schiene immer teurer zu machen, braucht es vom Bund verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen, die den Ausbau und Erhalt eines starken Bahnangebots sichern“, fordert die Fraktionsvorsitzende der Bündnisgrünen im Sächsischen Landtag, Franziska Schubert.

Steigende Kosten dürfen nicht zu immer weniger Zügen führen

Das Ausmaß der Belastung ist erheblich: Für das Gebiet des ehemaligen Verkehrsverbundes Oberlausitz-Niederschlesien nennt der ZVVO laut Bericht gegenüber der bisherigen Preisbremse Mehrkosten von jeweils rund drei Millionen Euro in den Jahren 2025 und 2026. Für 2027 rechnet der Verbund mit 5,2 Millionen Euro, für 2028 mit 9,6 Millionen Euro. In anderen Teilen Sachsens werden bereits zum Fahrplanwechsel im Dezember Verbindungen gestrichen oder ausgedünnt.

Der bündnisgrüne Zittauer Stadtrat und Verkehrsexperte Matthias Böhm warnt vor einer Entwicklung, die das Problem langfristig weiter verschärfen könnte: „Die Streichung von Zügen ist eine Milchmädchenrechnung. Ein großer Teil der Kosten für das Vorhalten der Eisenbahninfrastruktur bleibt bestehen, auch wenn weniger Züge fahren. Werden diese Kosten auf weniger Fahrten verteilt, wächst der Druck auf die Trassenpreise weiter. So droht eine Abwärtsspirale aus höheren Preisen und einem immer schlechteren Angebot.“ 

Aus Sicht des Kreisverbandes braucht es deshalb neben einer kurzfristigen finanziellen Entlastung eine grundlegende Reform des Trassenpreissystems. Die Finanzierung der Infrastruktur muss so gestaltet werden, dass ein attraktives Bahnangebot dauerhaft möglich bleibt.

Ein Zweistundentakt schränkt den Alltag ein

Als Beispiele für bislang stündliche Wochenendverbindungen nennt die Sächsische Zeitung den Regionalexpress Dresden-Görlitz und die Regionalbahn Zittau-Görlitz-Cottbus. Welche Linien und Fahrten von möglichen Kürzungen tatsächlich betroffen wären, ist bislang offen.

Für den Kreisverband steht fest: Eine Ausdünnung würde die Mobilität in der Oberlausitz deutlich verschlechtern. Wer am Wochenende arbeitet, Angehörige besucht oder zu einer Veranstaltung fährt, braucht passende Verbindungen. Größere Taktabstände erschweren die Reiseplanung und machen Umstiege weniger flexibel. Wird ein Anschluss verpasst oder fällt ein Zug aus, kann sich die Weiterfahrt erheblich verzögern. Menschen ohne eigenes Auto trifft das besonders hart.

Auch die Idee, weniger Abfahrten durch längere Züge auszugleichen, überzeugt Böhm nicht: „Zusätzliche Fahrzeuge stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung, und auch technisch gibt es Grenzen. Die in der Oberlausitz überwiegend eingesetzten Triebwagen vom Typ Desiro können maximal in 3fach-Traktion verkehren, aber schon heute bestehen viele Züge aus 3 Triebwagen und sind trotzdem überfüllt. Vor allem aber schafft ein längerer Zug keine zusätzliche Abfahrt. Wer nur noch alle zwei Stunden fahren kann, bleibt deutlich unflexibler.“

Deutschlandticket braucht ein nutzbares Angebot

Der Kreisverband betont, dass öffentlicher Nahverkehr zur Daseinsvorsorge gehört. Ob Menschen ihre Arbeitsstelle, soziale Kontakte oder Freizeitangebote erreichen können, darf im ländlichen Raum nicht vom Besitz eines Autos abhängen. Die Oberlausitz darf durch ein schrumpfendes Verkehrsangebot nicht weiter abgehängt werden.

Das Deutschlandticket bietet einen einfachen Zugang zum Nahverkehr. Sein Nutzen hängt jedoch entscheidend davon ab, ob tatsächlich passende Verbindungen vorhanden sind. Gerade Pendlerinnen und Pendler brauchen einen verlässlichen Takt, der zu ihren Arbeitszeiten passt – auch am Wochenende.

„Ein gutes Ticket allein bringt noch niemanden zur Arbeit. Dazu braucht es Züge und Busse, die regelmäßig fahren und deren Anschlüsse funktionieren. Wer das Deutschlandticket zum Erfolg machen will, muss auch das Angebot dahinter sichern“, erklärt Schubert.

Kürzungen widersprechen den touristischen Zielen der Oberlausitz

Auch für den Tourismus wären seltenere Verbindungen ein Rückschritt. Die Oberlausitz strebt laut ihrer Destinationsstrategie bis spätestens 2028 eine TourCert-Zertifizierung als nachhaltige Reiseregion an. Eine attraktive Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln und gute Verbindungen vor Ort gehören aus Sicht des Kreisverbandes zu diesem Anspruch.

Gerade an Wochenenden sind Gäste und Tagesausflügler unterwegs. Ein Zweistundentakt würde es erschweren, Ausflugsziele ohne Auto zu erreichen und mehrere Ziele miteinander zu verbinden. Wer Menschen zum Umsteigen auf Bus und Bahn bewegen möchte, muss ihnen ein alltagstaugliches Angebot machen.

Böhm fordert deshalb, auch die langfristige Entwicklung des Netzes im Blick zu behalten: „Wir brauchen in der Oberlausitz eine Perspektive für den Ausbau des Bahnverkehrs. Dazu gehört für uns auch die Reaktivierung der Herrnhuter Bahn. Wenn wir stattdessen das bestehende Angebot zurückfahren, rücken eine bessere Erreichbarkeit unserer Region und die notwendige Verkehrswende in immer weitere Ferne.“

Landtagsbeschluss umsetzen, Finanzierung sichern

Die bündnisgrüne Landtagsfraktion hat bereits im Juni eine parlamentarische Initiative gegen drohende Angebotskürzungen erfolgreich auf den Weg gebracht. Der Landtag stimmte ihrem Antrag zu, Kürzungen und Fahrpreiserhöhungen entgegenzuwirken und über eine Bundesratsinitiative eine Reform des Trassenpreissystems anzustoßen. Anfang Oktober forderte die verkehrspolitische Sprecherin Katja Meier erneut konkrete Maßnahmen der Staatsregierung ein.

Der Kreisverband erwartet nun, dass der Bund die zusätzlichen Belastungen auffängt und eine langfristig tragfähige Lösung vorlegt. Die sächsische Staatsregierung muss den Landtagsbeschluss mit Nachdruck verfolgen und gemeinsam mit den Verkehrsverbünden klären, wie das bestehende Angebot gesichert werden kann. Zugleich unterstützt der Kreisverband den Appell des ZVVO an die Bundestagsabgeordneten aus der Oberlausitz, sich in Berlin für eine Lösung einzusetzen.

„Noch sind die Kürzungen in der Oberlausitz nicht beschlossen. Jetzt ist der Zeitpunkt, sie abzuwenden. Die Menschen brauchen die Sicherheit, dass ihre Verbindung auch künftig fährt. Dafür müssen Bund und Freistaat Verantwortung übernehmen“, so Schubert abschließend.

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